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Ein Wort gibt das andere: Konsens aus Nonsens, oder: Worthülsenfrüchte als Selbstbeschreibung

16. November 2011

Sie sind alle am Ende, unsere grossen Geister. Eigentlich sollte man richtiger, treffender sagen: Wir haben gar keine grossen Geister mehr. Die einmal unüberhörbar ihre Stimme erhoben, sie leben zwar noch, ziehen aber das untergetauchte Schweigen vor. Die einstmals so genannten Intellektuellen, die in der Aufklärung sogar philosophes hiessen, sie sind uns abhanden gekommen. Die Schulen und Universitäten bringen offensichtlich keine mehr hervor. Es gibt auch keine Zeitschriften, in denen sie, wenn es sie denn gäbe, ihre neuartigen Gedanken und Beschreibungen und Erzählungen unserer Welt ausbreiten könnten. Na, und intelligente Monographien, neuartige ganze Bücher über ein neues Thema, die fehlen uns vollkommen. Der sogenannte wissenschaftliche Büchermarkt wird von kooptierten Herausgebern überschwemmt mit Aufsatzsammlungen, die sich stets entpuppen als der zusammengelegte Abfall an schnell im Flugzeug oder im ICE notierten Routinegedanken der reisenden Textemacher, die eilig und eitel von einer Konferenz, von einer Tagung zur anderen reisen, immer in Eile, immer nur halb konzentriert, aber flink wie Weberschiffchen, denen das Muster, an denen sie weben wollen und sollen, abhanden gekommen ist. Das Staatsschiff schlingert, die Kommandobrücke ist verlassen, der Autopilot namens Beamtenschaft ist zwar eingeschaltet, aber es fehlen das Programm und der Auftrag: wohin und wozu?

Sieben Prozent Elite, so liest man, wären einmal das Optimum gewesen. Wie es scheint, kriegt unsere Gesellschaft auch die nicht mehr zusammen, obwohl die Abiturientenzahlen nach oben schnellen und eine Studentenschwemme konstatiert wird. Sieben Prozent von 80 Millionen Jeansträgern, das wären genau 560.000 Aktive, bei denen man einen Marschallstab in ihren Rucksäcken vermuten dürfte. Sie sollten das Salz sein in einer geniessbaren Suppe. Aber unsere Gesellschaftssuppe schmeckt keinem mehr, den Armen nicht, die bei der Tafel speisen, (welch ein verlogenes Wort für eine gut gemeinte Tat: Armenspeisung wäre aufrichtiger), dem Mittelstand reicht es auch vorne und hinten nicht für das, was alle von ihm erwarten, und selbst den tonangebenden Reichen gehen die Lügen aus. Man schreibe einmal zusammen, als Inventurliste, was alles schon gedanklich und argumentativ herhalten musste als Erklärung für die Finanzkrise und die Währungsmisere. Wenn solche Texte die Theorie wären für Mondraketen, wir wären nie hingekommen, alle wären bereits am Boden zerschellt oder irgendwo im Weltall verloren gegangen.

Jetzt, wo angeblich alle gleich seien, sind alle gleich dumm dran. Was wirklich boomt ist die Managementliteratur, doch die verpufft sinnlos und zwecklos, weil die auf der Karriereleiter turnenden und von Sprosse zu Sprosse hetzenden absolut austauschbar gewordenen CEO’s keine Zeit haben, zum lesen, und weil ihnen, den rücksichtslosen Machern, die intellektuelle Kapazität abgeht, das Gedankengeschwurbel der Ökonomie-Soziologen zu verstehen, diesen Wolkenkratzern an Privatsprache.

Die Theologen, eine aussterbende Spezies, sie sind auch alle stumm wie die Fische, wenn sie die Übel der Zeit erklären sollen. Wo sie sich noch als Kirche gerieren, haben sie ausser Verboten nichts im Angebot. Das Himmelreich ist ihnen selber abhanden gekommen, wie man an ihren Nachwuchszahlen ablesen kann, und von den wahren Übeln der heutigen Welt wissen sie nichts oder verschliessen ihre frommen Augen davor. Müssten sie sich ihren Lebensunterhalt mit lebbaren Ratschlägen verdienen, käme vielleicht Leben in ihre heiligen Gedankenräume. Doch für das Volk aller Klassenfarben sind sie nur noch die Staffage an den drei sogenannten hohen Lebensfesten, Geburt, Hochzeit und Sterben, die aber auch alle nicht mehr das sind, was sie einmal waren.

Nicht einmal Generäle eignen sich mehr zum Staat machen. Krieg führen sollen sie nicht, und Frieden schaffen können sie nicht. Also vertun sie ihre Zeit als gedankenlose und hilflose Abnehmer all des menschenfeindlichen Schnickschnacks, das ihnen die Technikforschung als Wachstumsersatz aufdrängt.

Philosophie, heisst es, sei der fruchtlose Versuch, aus den Verwirrungsleistungen der frei flottierenden Sprache Bleibendes zu destillieren. Sie haben uns allen beigebracht und dekonstruierend eingehämmert, Ontologie sei Unsinn, weil nur der Scheinsinn des Scheinens, und Metaphysik sei Nonsens und überflüssig, doch sie selber halten sich nicht dran und treiben in jedem Frühjahr oder Bücherherbst eine neue Metaphysik durchs mediale Weltdorf.

Doch ein gut bestelltes Feld gibt es, auf dem die Scheinintelligenz und Ersatzplausibilität exotische Blüten treibt: Der Umsatz an Kriminalromanen steigt ins geradezu Unirdische. Da wird gemordet, vergiftet und überintelligent betrogen und getrixt, was das Zeug hält. Perverse Männer als Täter unausdenklicher Taten, überhitzte Pathologien mit coolen Pathologen und übereifrige Kommissarinnen, die immer heiter sind, mannstoll bis zur Jungfräulichkeit, immer den Stinkefinger am Abzug, und die nie ihre Tage haben. Die Verleger jedenfalls gehören nicht mehr zur Elite.

Aber irgend etwas muss doch boomen? Ja, die Poitikverdrossenheit, sie scheint eine Wachstumsbranche zu werden, eine mit negativem Vorzeichen. Das Ziel ist hier das deutliche Unterbieten der 50%-Marke. Da Politik ein demokratiefreier Selbstläufer geworden ist, hat die Elite der zweiten Reihe bei der EU das Sagen gepachtet. Mir wird schlecht, ich muss zum Arzt, aber funktionale Medizin gibt es ja auch nicht mehr: die Ärzte zappeln an den Bändeln der Krankenkassen und der Pharmaindustrie. Der Vorhang kann fallen, das Licht geht aus. Unsere Zukunft ist Zappenduster.

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