Skip to content

Farbe bekennen und untergehen oder überleben?

6. November 2011

Darf man Heldentum, Märtyrertum, persönliches Opfer von einem anderen Menschen verlangen?

Soeben lief – nochmals, vor Jahren hatte ich ihn gesehen – der Film über die Verstrickung und das persönliche Schicksal des Dirigenten Wilhelm Furtwängler während der Nazizeit. Ich konnte mich nur an einige wenige Szenen erinnern. Der Ankläger, der die Voruntersuchung leitete, bevor die Amerikaner dann den Dirigenten der Spruchkammer überliessen, er hat es sich nicht leicht gemacht, er hat sich alles angehört, hat sich alles vortragen lassen, aber er wollte in diesem Falle keine Entschuldigungen gelten lassen, wie es vor der anschliessenden Spruchkammer dann doch geschehen ist. Der Ankläger hatte immer die unendlichen Leichenberge vor Augen und er hat gnadenlos dem angeklagten Furtwängler vorgehalten: warum er 1933/34 nicht gegangen sei wie so viele andere Künstler. Furtwängler hat argumentiert, er sei geblieben, weil er Deutscher sei und seine Heimat, die er ja liebe, nicht verlassen wollte. Er habe schliesslich nicht wissen können, zu was die neuen Machthaber dann tatsächlich fähig gewesen seien. Er habe doch um seinen jüdischen Konzertmeister bei Goebbels und Göring gekämpft. Er habe doch zahllosen betroffenen Juden geholfen, soweit es in seiner Macht stand. Er fühle sich nicht schuldig, weil für ihn eben die materielle politische Welt und die Welt der Kunst auseinander zu halten seien.

Doch der Ankläger hat alle seine Argumente zunichte gemacht mit der einen harten und logisch zwingenden Frage: Wie könne denn ein Mann in seiner Position behaupten, er habe von all den schrecklichen Schandtaten der Hitlerschergen gar nichts wissen können, denn: warum habe man denn Juden retten wollen, wenn nicht darum, dass man genau gewusst habe, sie seien ohne diese Hilfe in blanker Lebensgefahr?

Im Abspann und aus dem Off sagt der Ankläger bitter: er wollte wenigstens einen der grossen und bedeutenden Mitläufer und Nutzniesser „am Arsch“ kriegen, es sei ihm aber nicht gelungen, aber: er habe diesen Kerl wenigstens „zum Schwitzen gebracht“.

Die Sekretärin des amerikanischen Anklägers dieser Voruntersuchung war die Tochter eines Mannes, der zu den Personen gehörte, die das Naziregime nach den Ereignissen des 20. Juli 1944 hingerichtet hatten. Dennoch war sie der Auffassung, und zwar in wachsendem Maße, je brutaler und realistischer die Vernehmungsmethoden wurden, man müsse einem so bedeutenden Künstler – was immer ihm vorzuhalten sei – am Ende doch mehr Respekt bezeugen. Unterstützt wurde sie von einem jungen Juden, der als beigeordneter Rechtsanwalt in englischer Uniform ihre Ansichten teilte, obwohl er als rechtzeitig geflüchteter Deutscher seine nicht so glücklichen Eltern durch den Naziterror verloren hatte. Ihm hielt der Ankläger in einem harten Privatgespräch vor, er solle gefälligst seine musikästhetischen und kulturellen Argumente zurückhalten und den Tatsachen ins Auge sehen, er solle – verdammt – endlich „erwachsen“ werden.

Nun, der Film ist der Film, und die Geschichte ist nun einmal die Geschichte, unsere Geschichte. Bei Kriegsende war ich 16 1/2 Jahre alt, nach Wehrertüchtigungslager, Reichsarbeitsdienst, vier Monate Wehrmacht und vier Monate amerikanischer Internierung in Österreich und Deutschland war ich im Herbst 1945 wieder zu Hause in Berlin. Mein Stiefvater, ein Musiker und SA-Mann, der als Unteroffizier fünf Jahre lang Soldat war in Nordnorwegen, den haben die Engländer in Bremen den Amerikanern übergeben, die ihn dann an die Franzosen auslieferten. Im Spätsommer 1946 haben ihn die Franzosen dann entlassen, weil er Tuberkulose hatte. Nach wenigen Wochen Arbeit in einem französischen Steinbruch durfte er dann für seine Kameraden Musik machen und Konzerte organisieren. Die französischen Offiziere haben sogar eine Sammlung organisiert, an der sich auch alle die gefangenen Kameraden beteiligen durften. Mein Stiefvater durfte in militärischer Begleitung nach Marseille fahren und sich dort für 3.000 alte französische Francs eine wunderschöne Geige kaufen. Diese Geige hat er dann auch aus seiner Gefangenschaft mit nach Hause gebracht. Sie hat ihm, dessen Familie durch Bomben fast alles Materielle verloren hatte, dann den neuen Start als Musiker ermöglicht. Die Franzosen haben also in einem konkreten Fall für einen deutschen Musiker die Politik und die Kunst haarscharf zu trennen gewusst. Zu Hause wurde mein Stiefvater dann als Mitläufer eingestuft, musste aber als Hilfsarbeiter beim Abriss des Berliner Schlosses helfen. Doch der verantwortliche Polier der Baufirma hat ihn in die Schreibstube gesteckt, damit er seine Geiger- und Pianistenhände nicht ruiniere, obwohl er wusste, dass er ein Nazi war. Musik durfte mein Stiefvater nur an drei Tagen in der Woche in seiner Freizeit machen, und zwar für russische Offiziere und deren Familien in Werder bei Berlin in einem Hotel der Besatzungsmacht. Auch hier war die Politik das eine und die Kunst etwas vollkommen anderes.

Klar, es gibt Helden und es gab Märtyrer. Das sie es sind und waren, das wissen alle anderen aber stets nur hinterher. Wenn es gilt, sich zu entscheiden, dann ist ein jeder für sich allein. Wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist, der ist dann ganz allein für sich gefordert. Regeln gibt es für solch eine Entscheidung nicht und niemals. Was bleibt: ein jeder muss zu seinen Entscheidungen stehen und sie am Ende – falls er angeklagt wird – auch verantworten. Über Ethik, hat ein österreichischer Physiker, der nach dem Kriege in die USA auswanderte und dort Karriere machte, gesagt, über Ethik solle man nicht reden, Ethik müsse sich zeigen – beim Handeln. Und weil ein jedes Handeln eine Entscheidung erfordert, ist dann ein jeder mit seiner Ethik allein. Und genau im sinne dieser seiner Entscheidung wird ein jeder dann – wenn das Schicksal es so will – entweder gehängt oder laufen gelassen.

Der entschuldigte Furtwängler hat seine Weltkarriere fortsetzen können. Nur in den Vereinigten Staaten durfte er nie auftreten. Er starb 1954, zwar voll rehabilitiert, aber seiner wird ambivalent gedacht. Sein Nachfolger als Chef der Berliner Philharmoniker wurde „der kleine K“, wie der grosse Furtwängler zu seiner Zeit den Herbert von Karajan stets herablassend genannt hatte. Karajan war gleich zweimal in die Partei eingetreten, einmal in Deutschland und auch noch in Österreich. Auch ihn hat das Volk freigesprochen.

Advertisements

From → Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: