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Haltlosigkeit

25. Oktober 2011

Der Mensch von heute ist verloren, verloren an sich selbst. Er ist nichts weiter als ein Produkt der Selbstreflektion. Das Bewusstsein eines jeden einzelnen Menschen ist ein geschlossenes System in einer für dieses System undurchschaubaren Umwelt. Die Umwelt des Systems Bewusstsein ist undurchschaubar aufgrund seiner für das Bewusstsein un(er)fassbaren Komplexität. Diese unerfassbare Komplexität der Umwelt des Einzelbewusstseins strömt als eine unabweisbare Irritation durch die Sinne in das Gehirn ein, (optisch, akustisch, haptisch, olfaktorisch und degustibel), und stellt das aus den Gehirnverschaltungen emergent resultierende Bewusstsein vor die nur bedingt zu lösende Aufgabe, diesen realen Irritationsstrom in reduzierender Vereinfachung umzusetzen in ein für das Bewusstsein fassbares und erfassbares Bild der rationalen Vernunft als Abbild der als real vorausgesetzten und um den Preis des Überlebens oder Nichtüberlebens als real gegeben geglaubten Aussenwelt.

In dieser misslichen Lage hat der moderne Mensch eines begriffen: Nur das, was er selber machen kann, hat für ihn als seine Welt Bedeutung. Alles andere bleibt zunächst leere Spekulation. Die Grenzen seines Machenkönnens sind also zunächst die Grenzen seiner Welt. Gegen diese Grenzen rennt der denkende, der spekulierende Mensch an, um durch Versuch und Irrtum diese zunächst sehr engen Grenzen zu durchbrechen und den Horizont des Machbaren und damit den des als real Anerkannten wie einen Horizont immer weiter von sich weg und in den Bereich des Kontingenten als eines Möglichen hinauszuschieben. Spekulationen, die sich nicht verwirklichen lassen, werden letztlich als haltlos verworfen.

Diese aus der Geschlossenheit seines Bewusstseins resultierende Einsamkeit des denkenden und fühlenden Menschens, sein existentielles Gefängnis, hat eine verlockendende, scheinbar weit offen stehende Pforte nach einem erstrebten Draussen: die Sprache. In der ersten naiven Euphorie glaubt der denkende und fühlende Mensch, es sei ihm durch die Sprache gegeben, alle seine äusseren Wahrnehmungen und inneren Vorstellungen den anderen Menschen in seiner Umgebung, in seinem sozialen Feld, auf eine verstehbare und verständliche Weise mitzuteilen. In der Alltagskommunikation scheint dies auf eine verblüffende Weise zu klappen: Wo ist der nächste Bäcker? Bitte sehr, hier gleich rechts um die Ecke das dritte Haus, sie erkennen es an der großen Brezel über seinem Schaufenster. Der Frager bedankt sich, geht hin und findet den Bäcker. Das Unwahrscheinliche ist real geworden: Die Einsicht und das Wissen eines Eingeweihten haben sich durch wenige Worte übertragen lassen von einem geschlossenen Gehirn in ein anderes geschlossenes Gehirn. Der irrtümliche Terminus hierzu heisst immer noch Intersubjektivität. Doch das Ganze ist ein Riesenirrtum, sozusagen das berüchtigte Hundertdollarmissverständnis. Denn es wurde nichts übertragen: der Befragte hat – redend – Geräusche (noise) erzeugt, die dem Frager durch dessen eigene Sozialisation vertraut erschienen waren: rechts, Ecke, drittes, Haus, Brezel als Zeichen am Schaufenster. Dies alles setzt sich der Frager auf eigene Verantwortung in seinem geschlossenen Gehirn und Bewusstsein zusammen, er riskiert diese seine Empirie und staunt nicht einmal, wenn er solcherart Erfolg hat. Das Wunder des Verstehens ist im empirischen Erfolg verschwunden.

Was es hier zu begreifen gilt: Das technische Modell von Sender/Kanal/Empfänger, (beeinträchtigt in jeder Anwendung durch das „Rauschen“), dieses Modell gilt nicht für die Kommunikation. Menschen mit Bewusstsein, als psychische Systeme, sie können gar nicht kommunizieren. Menschen mit Bewusstsein können – auf vielfältige Weise – wahrnehmen, sie haben innere Wahrnehmungen, die man Vorstellungen nennt, sie haben Gefühle, und gerade Gefühle hat ein jedes Bewusstsein auf seine eigene ganz spezifische Art und Weise. Sprechen ist nun der – im wahren Grunde aussichtslose – Versuch, diese Wahrnehmungen, Vorstellungen und Gefühle in Worte zu fassen, sie also in semantische Zeichen zu fassen und zu verwandeln, in der Hoffnung, ein anderer werde diese Zeichen sinnvoll lesen können. Diese Hoffnung trügt: Alle Zeichen sind gleitende Signifikanten ohne feste Signifikate. Alles Sprechen erzeugt nur eine profilierte Oberfläche, die ein anderer auf seine Weise abtasten kann, in der Hoffnung, zu einem brauchbaren Ergebnis zu gelangen. Sicher ist hier aber gar nichts, wenn auf der anderen Seite nicht der hochflexible gute Wille vorhanden ist, sich selber aus dem Gesagten etwas halbwegs Brauchbares zu machen. Zwei Sätze umreissen diese hochambivalente Ausgangslage: (1) Das Gesagte ist allemal das Gemeinte schon nicht mehr; (mit der Variante: Alles Gesagte kann allemal auch anders gesagt werden), und (2) Über den Sinn eines Satzes entscheidet der Hörer (Leser).

Das also ist die wahre Lage: Kommunikation ist eine triadische Syndosis aus (1) Information (WAS wird gesagt), (2) Mitteilung (DASS es gesagt oder WIE es gesagt oder – durch Gesten – angedeutet wird) und (3) das letztendliche „Verstehen“. Und hier liegt nun die Crux: Information UND Mitteilung sind Sache des „Senders“, des Sprechenden oder Schreibenden. Sie sind das kommunikativ Gegebene. Es gibt aber in der sozialen Kommunikation keinen (technischen) „Empfänger“, bei dem das „Gesendete“ so einfach „ankommt“, nein, in der Sozialen Kommunikation muss sich der Hörer oder Leser den SINN des Gesagten oder Gelesenen, also des Vernommenen, SELBER MACHEN! Hier gilt: EIN Satz ist in der sozialen Kommunikation KEIN Satz. Erst der hieran anschliessende ZWEITE Satz macht den Sinn des ersten Satzes, (und so weiter ad infinitum). Der „Versteher“ muss sich „seinen“ Sinn aus der für ihn gegebenen Differenz aus Information und Mitteilung erschliessen mit Hilfe seiner „Bordmittel“. Das ist der gute Sinn des schrecklichen Satzes: Menschen, als psychische Systeme, können nicht kommunizieren, nur die Kommunikation kann kommunizieren. Menschen können wahrnehmen, vorstellen, fühlen, denken, reden, aber nicht kommunizieren. Die Kommunikation kommuniziert, dafür aber kann sie nicht wahrnehmen, sich nichts vorstellen, sie fühlt nichts, und sie kann nicht denken. Und genau hierin liegt die so harte und scheinbar menschenverachtende Unpersönlichkeit der modernen Kommunikationsverhältnisse in der funktional differenzierten Welt. Alle modernen Funktionssysteme (Politik, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft, Erziehung, Kunst, Medizin, Sport, Religion, Familie) mit ihren je eigenen Codes (Macht/Ohnmacht als Regierung/Opposition; Recht/Unrecht; Zahlen/Nichtzahlen; wahr/unwahr; bestanden/durchgefallen für alle Arten von Karrieren; schön/hässlich oder anerkannt/verworfen oder nichtbeachtet; Gesundheit(eine)/Krankheiten(viele); gewonnen/verloren = es gibt immer nur einen Sieger; immanent/transzendent;  und last but not least für die Familie: wir, als Komplettbetreuung/alle anderen); alle diese modernen Funktionssysteme sind zunächst einmal für die jeweils anderen Funktionssysteme schlicht Umwelt. Sie alles zusammen machen mit ihren spezifischen Kommunikationen die Gesellschaft aus. Und die Gesellschaft ist schlicht nichts anderes als die „Summe“ und das evolutionäre „Zusammenwirken“ all dieser Kommunikationen. Und hier ist alles ununterbrochen und immer „in Fluss“. Die Gesellschaft ist kein statischer Zustand sondern ein Prozess, eine Entwicklung und Entfaltung (aus allem Gesagten; und natürlich dann auch aus allem Getanen); doch die „Akteure“, sie leben als psychische Systeme in der Umwelt dieser modernen differenzierten Gesellschaft; und sie können sich mit dem Satz trösten, wenn sie jammern, dass sie nicht kommunizieren können, dass es letztlich doch nicht ohne sie geht, eben weil am guten oder schlechten Ende hier ein jeder Satz zählt „der Ruderer in den Galeeren“ (Luhmann). Die Menschen sind nicht die Gesellschaft, sie machen sie auch nicht, denn die Gesellschaft – als Kommunikation – macht sich immer selbstreferenziell selber, (aber von allem noise mehr oder weniger fremdreferenziell irritiert), und folgt kommunikativ nur den ungeregelt geregelten Regeln, diesen unduchschaubaren „Gesetzen“ der gesellschaftlichen Evolution.

Und so gibt es für uns alle letzten Endes nur den haltlosen Halt im Weitermachen dessen, was man vor sich selber und vor der solidarischen Gemeinschaft der Mitlebenden verantworten kann und muss. Es gibt so gesehen keinen einschreitenden Gott als ehrlich makelnde Appelationsinstanz. Es gibt nur den guten demokratisch legitimierten Erfolg aller für alle. Halt gibt am Ende nur die Goldene Regel: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füge auch keinem anderen zu; oder in der Kantischen Fassung: Handle so, dass die Maxime deines Willens zur allgemeinen Gesetzgebung werden kann. Auch moralischen Halt gibt es keinen, weil es unentscheidbar bleibt, ob die Unterscheidung moralisch/unmoralisch letztlich selber moralisch ist oder eben doch unmoralisch. Die Ethik, heisst es, sei die Reflexionstheorie der Moral. Doch Heinz von Foerster hat ergänzend und richtigstellend gesagt: Über Ethik kann man nicht reden, Ethik muss sich zeigen. Also ist der Mensch in der Umwelt seiner Gesellschaft aufgefordert, alles, was er sagt, auch selber zu verantworten, und dabei so zu leben und zu handeln, dass eine viable Ethik sich zeigen kann.

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